Klinische Evidenz und steigende Hitzemortalität
Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), des Robert Koch-Instituts (RKI) und des Lancet Countdown 2026 belegen die gesundheitlichen Folgen der Erderwärmung. Im Sommer 2024 wurden in Europa rund 63.000 hitzebedingte Todesfälle erfasst. Die im August 2026 von über 80 Organisationen veröffentlichte European Declaration on Heat and Health geht davon aus, dass bestehende Schutzpläne die steigende Sterblichkeit, insbesondere bei älteren und chronisch kranken Menschen, bislang nicht stoppen können.
Außerdem begünstigen höhere Temperaturen die Ausbreitung von Krankheitsüberträgern: Die klimatische Eignung für Vektoren wie die Asiatische Tigermücke stieg in Europa zuletzt um fast 300%, was das Risiko für Infektionen mit dem Dengue- oder West-Nil-Virus erhöht.
Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, findet es ist, „an der Zeit, eine unbestreitbare Wahrheit anzuerkennen: Die Klimakrise ist eine Gesundheitskrise. Sie ist eine Sicherheitsbedrohung, ein Gesundheitsnotstand und eine wirtschaftliche Zeitbombe – alles in einem.“
Physiologische Risiken und Beeinträchtigung der Arzneimittel
Hohe Temperaturen wirken sich direkt auf den Organismus und die Handhabung von Medikamenten aus. Der BMG-Aktionsplan zur Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS 2026) sowie die wissenschaftliche CALOR-Liste führen spezifische Risiken auf:
- Flüssigkeits- und Elektrolytverlust: Diuretika (Entwässerungsmittel) und Laxanzien (Abführmittel) verstärken hitzebedingte Dehydratation, was zu Blutdruckabfall und Kollapsneigung führt.
- Nierenfunktion: ACE-Hemmer, Sartane und NSAR vermindern bei Flüssigkeitsmangel die Nierendurchblutung und erhöhen das Risiko für ein akutes Nierenversagen.
- Gestörte Thermoregulation: Anticholinergika und Psychopharmaka hemmen das Schwitzen oder dämpfen das Durstgefühl. Bei Wirkstoffen mit enger therapeutischer Breite wie Lithium steigen dadurch rasch toxische Plasmakonzentrationen an.
- Beschleunigte Wirkstoffaufnahme: Bei hohen Temperaturen erweitert der Körper die Blutgefäße in der Haut, um Wärme abzugeben. Dadurch wird die Haut stärker durchblutet. Befindet sich auf der Haut ein Schmerzpflaster (z. B. mit dem Wirkstoff Fentanyl), beschleunigt diese verstärkte Durchblutung die Resorption drastisch: Der Wirkstoff wird wesentlich schneller ins Blut aufgenommen als vorgesehen, was das Risiko einer möglichen lebensgefährlichen Überdosierung erhöht.
- Stabilitätsverluste bei der Lagerung: Thermolabile Arzneiformen büßen bei Überschreiten von 25 °C ihre Wirksamkeit ein oder bilden Abbauprodukte.
Die Rolle der Pharmaindustrie: Stand, Aufgaben und wirtschaftliche Perspektiven
Das Gesundheitssystem ist für über 5% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ein signifikanter Teil davon entsteht bei der Synthese, Verpackung und Distribution von Arzneimitteln. Dürren und flache Flusspegel, wie am Rhein oder im Panama-Kanal, erschweren zudem den Rohstofftransport und erhöhen das Risiko von Lieferengpässen.
Einige Pharmaunternehmen haben bereits erste und auch weitere Schritte eingeleitet. In der Galenik wird an thermisch robusteren Formulierungen geforscht, um Unterbrechungen der Kühlkette abzufedern. Hersteller stellen die Treibmittel in Asthma- und COPD-Sprays auf klimaschonendere Gase wie HFA 152a um. Auch in der Unternehmensführung gewinnt der Bereich an Gewicht.
Maria Paola Chiesi, seit Mai 2026 Verwaltungsratsvorsitzende der Chiesi-Gruppe, fand schon vor ein paar Jahren klare Worte:
„Die Dekarbonisierung ist ein wesentlicher Schritt, den unserer Meinung nach alle Unternehmen gehen müssen, um eine gerechte und regenerative Weltwirtschaft zu erreichen. Das Überleben der Menschheit hängt davon ab.“
Erforderlich ist allerdings die Dekarbonisierung der gesamten Lieferkette: Neben eigenen Fabriken (Scope 1) und eingekaufter Energie (Scope 2) betrifft das vor allem die vorgelagerten Rohstofflieferanten und weltweiten Transportwege (Scope 3), die den Hauptteil des CO₂-Fußabdrucks ausmachen. Gleichzeitig müssen Hersteller Rückstände in Produktionsabwässern reduzieren. Gelangen Wirkstoffe wie Antibiotika ungefiltert in Flüsse und Seen, kommen Umweltbakterien ständig mit niedrigen Dosen in Kontakt. Sie passen sich an und bilden Resistenzen, wodurch lebensrettende Medikamente weltweit ihre Wirkung verlieren.
Für die Branche ergeben sich aus dieser Transformation auch strategische Vorteile. Umfragen zufolge fordern 87% der Ärztinnen und Ärzte von Pharmaherstellern konkrete Klimaschutzmaßnahmen. Dr. Martin Herrmann, Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG e.V.), sieht darin eine klare Ausrichtung für den Markt:
„Unternehmen, vor allem auch transnationale, haben sehr viel Einfluss in einer zersplitterten Welt. Immer mehr Kunden orientieren sich an solchen Werten. Daher bin ich zuversichtlich, dass immer mehr Unternehmen verstehen, dass Nachhaltigkeit eine strategische Priorität sein muss.“



