US-Pharmaindustrie: Neun neue Deals

Die US-Regierung weitet ihre Initiative zur Dämpfung von Arzneimittelpreisen aus. Nach einigen Großkonzernen haben sich nun neun mittelgroße Pharmahersteller Verträgen nach dem Meistbegünstigungsprinzip angeschlossen. Die Abkommen verbinden Preisnachlässe im staatlichen Medicaid-Programm mit Milliardeninvestitionen in US-Produktionsstandorte und Wirkstoffspenden für die nationale Notfallreserve.
Foto: Screenshot Website TrumpRx
Hanna Sachse
September 1, 2026
Das Weiße Haus (White House Press Office); FirstWord Pharma

Kurz vorab:

  • Marktabdeckung: Neun mittelgroße Pharmahersteller (u.a. Teva, UCB, CSL) treten dem MFN-Preisabkommen bei. Insgesamt decken nun 26 Konzerne rund 90% des US-Marktes ab. (Quelle: White House Press Briefing)
  • Fokus Medicaid: Die Verträge regeln Rabatte für das Medicaid-Programm. Anders als bei Großkonzernen entfallen Verkäufe über „TrumpRx“ oder Zollbefreiungen. (Quelle: FirstWord Pharma / US-Regierung)
  • Preiswirkung: Die Regierung prognostiziert 600 Mrd. US-Dollar Ersparnis in 10 Jahren. Experten führen diese Preissenkungen primär auf den Inflation Reduction Act zurück. (Quelle: Council of Economic Advisers)
  • US-Standorte: Die neun Firmen sagen 19,6 Mrd. US-Dollar für die US-Produktion zu (Gesamtzusage aller Partner: 668 Mrd. US-Dollar). (Quelle: Unternehmensangaben)
  • Wirkstoffreserve: Vier Hersteller spenden hunderte Tonnen Wirkstoffe (u.a. Antibiotika, Epilepsie-Präparate) an die Notfallreserve SAPIR. (Quelle: SAPIR / Herstellerzusagen)
  • SAPIR steht für: Strategic Active Pharmaceutical Ingredients Reserve). Es handelt sich um eine staatlich veranlasste nationale Notfallreserve der USA für pharmazeutische Wirkstoffe.

Erweitertes Meistbegünstigungsprinzip über Medicaid

Mit den neuen Verträgen treten neun mittelgroße Unternehmen der Initiativenreihe der US-Regierung bei: Alcon, Astellas, BeOne Medicines, BridgeBio, CSL, Kyowa Kirin, Sun Pharma, Teva Pharmaceuticals und UCB. Rund elf Monate nach dem ersten Abschluss mit Pfizer haben damit 26 Unternehmen entsprechende Vereinbarungen unterzeichnet. Laut US-Regierung decken diese Hersteller zusammen etwa 90 Prozent des inländischen Arzneimittelmarktes ab.

Das Grundprinzip der Meistbegünstigung (Most-Favoured Nation, MFN) ist folgendes: Die Medikamentenpreise in den USA werden an das niedrigere Preisniveau anderer Industrienationen gekoppelt. Im Gegensatz zu den Verträgen mit den 17 Großkonzernen, darunter Novo Nordisk, Eli Lilly und Regeneron, spielen Vertriebszusagen über die staatliche Rabattplattform „TrumpRx“ oder Befreiungen von Pharma-Zöllen bei den neun mittelgroßen Herstellern keine Rolle. Stattdessen verpflichteten sich die Unternehmen zu MFN-Preisen für Präparate, die über die Medicaid-Programme der Bundesstaaten für einkommensschwache Bürger bezogen werden.

„Sie haben keine Wahl.“
US-Präsident Trump

Nämlich deswegen, weil „wir jetzt Vereinbarungen mit 26 Unternehmen haben, die 90 Prozent des Marktes abdecken, und die restlichen 10 Prozent werden ebenfalls dazustoßen“, sagte Trump auf einer Pressekonferenz.


Prognostizierte Einsparungen: Vorbehalte

Die US-Regierung kalkuliert unter Berufung auf den Rat der Wirtschaftsberater (Council of Economic Advisers) mit Einsparungen von 600 Mrd. US-Dollar über die nächsten zehn Jahre. Unabhängige Branchenexperten ordnen diese Zahlen jedoch zurückhaltend ein. Sie führen gesunkene Arzneimittelpreise primär auf das unter der Vorgängerregierung von Joe Biden verabschiedete Medicare-Verhandlungsprogramm im Inflation Reduction Act zurück. Zudem ist die genaue Reichweite der aktuellen Verträge unklar, da, bis auf einzelne Ausnahmen, bisher nicht veröffentlicht wurde, welche konkreten Medikamente unter die Medicaid-Rabatte fallen.

Standortgarantien

Neben den Preiszusagen beinhaltet die Vereinbarung Zusagen über Investitionen von insgesamt 19,6 Mrd. US-Dollar in den Ausbau der US-Infrastruktur. Zusammen mit früheren Abkommen beziffert die Regierung das Gesamtwolumen der zugesagten Produktionsrückverlagerungen auf 668 Mrd. US-Dollar. Die Vertreter der beteiligten Pharmaunternehmen begründeten die Schritte im Rahmen der Bekanntgabe:

  • BeOne Medicines: CEO John Oyler kündigte an, ein Krebsmedikament für Medicaid „zu einem stark reduzierten Preis“ bereitzustellen. Zudem investiere das Unternehmen bis 2029 knapp 11 Mrd. US-Dollar in die US-Forschung und -Produktion, darunter 300 Mio. US-Dollar für die Erweiterung eines Standorts in New Jersey.
  • UCB: CEO Jean-Christophe Tellier verwies auf den Ausbau einer Fertigungsstätte im Bundesstaat Georgia im Umfang von 2 Mrd. US-Dollar und betonte, man tätige damit „die größte Produktionsinvestition, die unsere Unternehmen je getätigt haben“.
  • CSL: Julie Schiffman, Senior Vice President für Market Access, kündigte eine Investition von 1,5 Mrd. US-Dollar in Illinois an, um eine „durchgehende Produktion von aus Blutplasma gewonnenen Therapien“ zu ermöglichen.
  • Kyowa Kirin: Steve Schaefer, Nordamerika-Präsident des Konzerns, kündigte eine grundlegende Umschichtung der Belieferung an. Während derzeit nur 5 Prozent der in den USA hergestellten Medikamente des Unternehmens an US-Patienten verteilt würden, werden „innerhalb der nächsten zwei Jahre über 95 Prozent der in den Vereinigten Staaten hergestellten Medikamente für amerikanische Patienten bestimmt sein.“

Wirkstoffspenden für die nationale Notfallreserve

Als Bestandteil der MFN-Abkommen spenden vier der Hersteller definierte Mengen an Wirkstoffen an die nationale Reserve SAPIR (Strategic Active Pharmaceutical Ingredients Reserve):

  • UCB stellt 163 Tonnen des Epilepsie-Wirkstoffs Levetiracetam (Handelsname Keppra) zur Verfügung.
  • Sun Pharma liefert die Antibiotika Clindamycin (71,4 Tonnen) und Doxycyclin (6,75 Tonnen).
  • Teva Pharmaceuticals steuert 45 Tonnen des Antibiotikums Metronidazol sowie 4,8 Tonnen des Blutdrucksenkers Amlodipin bei.
  • Astellas beteiligt sich mit 25 Kilogramm des Immunsuppressivums Tacrolimus zur Verhinderung von Organabstoßungen.
Wer mehr wissen möchte

Was bedeutet das MFN-Prinzip?

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Unter MFN („Most-Favoured Nation“ / Meistbegünstigungsklausel) versteht man die vertragliche Zusage von Herstellern, Arzneimittel in den USA zu Preisen anzubieten, die sich an den niedrigsten Preisen orientieren, die in vergleichbaren entwickelten Industrienationen (wie Kanada, Deutschland oder Japan) gezahlt werden. Das Ziel ist es, die in den USA hohe Medikamentenpreise an das internationale Niveau anzupassen.

Was ist TrumpRx?

TrumpRx ist eine staatliche Informationsplattform zur Preistransparenz, die verhandelte MFN-Rabattpreise für Markenmedikamente auflistet. Die Seite verkauft oder versendet selbst keine Arzneimittel, sondern leitet Selbstzahler über Coupons oder Links zu Partner-Apotheken und den Vertriebsseiten der Hersteller weiter. Im Gegensatz zu den Vereinbarungen mit den großen Pharmakonzernen spielte die Einbindung in die Plattform bei den Verträgen mit den neun mittelgroßen Herstellern jedoch keine Rolle.

Was ist SAPIR

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Die SAPIR (Strategic Active Pharmaceutical Ingredients Reserve) ist eine staatlich koordinierte US-Notfallreserve zur Absicherung der nationalen Arzneimittelversorgung. Anders als bei klassischen Sanitätslagern werden hier keine fertigen Tabletten oder Ampullen bevorratet, sondern reine pharmazeutische Wirkstoffe (Active Pharmaceutical Ingredients, APIs) und chemische Vorprodukte.

Strategischer Hintergrund und Funktionsweise

  • Längere Haltbarkeit und Flexibilität: Unverarbeitete Wirkstoffe sind chemisch stabiler, benötigen deutlich weniger Lagerfläche als verpackte Endprodukte und lassen sich im Bedarfsfall über ein Netzwerk von Partnerbetrieben kurzfristig zu unterschiedlichen Medikamenten verarbeiten.
  • Abbau von Importabhängigkeiten: Aktuell stammen rund 90 Prozent der in den USA genutzten Wirkstoffe aus dem Ausland, vor allem aus China und Indien. Bei geopolitischen Konflikten, Handelsbeschränkungen oder Pandemien drohen dadurch kritische Lieferengpässe.
  • Zielgröße: Die Reserve soll für essenzielle Medikamente, darunter Antibiotika, Notfallmedizin und Narkosemittel, einen Puffer von mindestens sechs Monaten garantieren.

In die Reserve fließen neben staatlichen Zukäufen auch Sachleistungen der Pharmaindustrie. Die im Rahmen der jüngsten Preisabkommen zugesagten Wirkstoffspenden, etwa hunderte Tonnen Antibiotika und Blutdrucksenker, dienen dazu, die SAPIR ohne direkte Steuergelder für künftige Versorgungskrisen aufzustocken.

Fact Sheet: President Donald J. Trump Announces Deal with Nine Additional Pharmaceutical Manufacturers to Lower Drug Prices for Americans

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