Personalisierte mRNA-Therapie bei Hautkrebs: Ein wichtiger Baustein

Von Moderna und Merck (MSD) heißt es, dass das Ergebnis einer Zwischenanalyse einen „außergewöhnlichen Meilenstein für Moderna, für die mRNA-Wissenschaft und, was am wichtigsten ist, für Krebspatienten“ markiert. Es könnte tatsächlich ein wichtiger Baustein innerhalb einer komplexen Behandlungsstrategie sein.

Mit KI generiert
Hanna Sachse
August 25, 2026
Moderna/Merck; FirstWord Pharma; Handelsblatt; Deutschlandfunk

In der Übersicht:

  • Studienergebnis: Die Kombination aus dem mRNA-Wirkstoff Intismeran und dem Immuntherapeutikum Pembrolizumab senkte bei 1137 Teilnehmenden das Rückfall- und Metastasenrisiko nach einer Tumorentfernung signifikant. (Quelle: Moderna/Merck)
  • Klinischer Nutzen: Der therapeutische Impfstoff wird im Labor individuell auf die Genetik des jeweiligen Tumors programmiert. Er liefert dem Immunsystem den passenden Bauplan, um Krebszellen gezielt anzugreifen. (Quellen: UKE Hamburg; Handelsblatt; FirstWord Pharma)
  • Große Hoffnung, boomender Markt: Für Krebspatienten ist der Ansatz ein enormer Hoffnungsschimmer. An den Börsen lösten die Daten Euphorie aus (Moderna-Aktie +91%), Analysten erwarten künftig Milliardenumsätze.
  • Ausblick und Hürden: Die Technologie kann sich als „vierte Säule“ der Onkologie etablieren und wird bereits gegen weitere Krebsarten getestet. Zentrale Herausforderungen bleiben jedoch noch ausstehende Langzeitdaten sowie die immensen Kosten der Individualherstellung. (Quellen: Deutschlandfunk; Handelsblatt)

Zwischenergebnisse von Moderna und Merck

Moderna und Merck (MSD) konnten positive Ergebnisse für eine neue Doppeltherapie gegen schwarzen Hautkrebs melden. Patienten, denen der Tumor operativ entfernt wurde, erhielten zusätzlich zum bisherigen Standardmedikament den neuen mRNA-Impfstoff. Das Ergebnis: Die Kombination schützt deutlich effektiver vor einem Rückfall als die bisherige Einzeltherapie.

„Jahrelang klang die Idee einer individuell zugeschnittenen mRNA-Krebstherapie wie Science-Fiction. Heute haben wir den klinischen Nutzen in einer globalen Phase-3-Studie nachgewiesen.“
Moderna-CEO Stéphane Bancel zu den Ergebnisse der individuellen Erbgut-Analyse

Wirkprinzip: Was mRNA und personalisierte Impfungen bedeuten

Anders als bei vorbeugenden Impfungen handelt es sich hierbei um einen therapeutischen Impfstoff, der bei bereits an Krebs erkrankten Menschen angewendet wird. Nach der operativen Entfernung des Tumors wird das Gewebe genetisch analysiert, um die Mutationen (Neoantigene) des jeweiligen Krebstyps zu identifizieren. Auf dieser Basis wird für jeden Patienten ein individueller Impfstoff (Intismeran Autogen) mit bis zu 34 spezifischen Neoantigenstrukturen im Labor programmiert.

Die mRNA fungiert in den Zellen als temporärer Bauplan für die ausgewählten Zielstrukturen der Krebszellen. Diese Zielstrukturen werden anhand des Bauplans von körpereigenen Zellen produziert und dem Immunsystem präsentiert. So lernt das Immunsystem, diese Zielstrukturen zu erkennen und gezielt gegen Krebszellen vorzugehen.

Das Prinzip lässt sich wie die Sicherheitskontrolle am Flughafen verstehen: Der mRNA-Impfstoff liefert dem Sicherheitspersonal (= unsere Abwehrzellen) einen Hinweis auf eine versteckte Bedrohung. Beim Durchleuchten der ‚Passagiere‘ winken die Abwehrzellen alle gesunden Zellen anstandslos durch. Sobald jedoch eine verbliebene Krebszelle den Scanner passiert, schlägt das System sofort Alarm und die Zelle wird gezielt aus dem Verkehr gezogen. (Erklärgrafik: Mit KI generiert.)


Weitere Indikationen und forschende Unternehmen

Die Forschung an mRNA-Therapien beschränkt sich nicht nur auf das Melanom. Das Konsortium aus Moderna und Merck erprobt die Kombination aus Intismeran und Pembrolizumab im Rahmen des „INTerpath“-Programms in weiteren klinischen Studien der Phasen II und III unter anderem bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, Blasenkrebs und Nierenzellkarzinomen.

Parallel dazu arbeitet BioNTech an mRNA-basierten Krebstherapien. Die Schwerpunkte in der klinischen Entwicklung liegen unter anderem bei Studien zu Darmkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Neben der Onkologie erstreckt sich das Spektrum der mRNA-Technologie auf Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten wie Grippe sowie auf nicht-immunologische mRNA-Therapeutika zur Behandlung angeborener Gendefekte.

Chancen und Herausforderungen

Die wesentliche Chance der mRNA-Plattform liegt in ihrer biologischen Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Tumortypen und Krankheitsbilder. Sollte sich das Verfahren in weiteren Studien als dauerhaft wirksam erweisen, könnte die Immunonkologie die drei klassischen Behandlungsformen (Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie) klinisch ergänzen.

Dem stehen mehrere operative und wirtschaftliche Hürden gegenüber:

  • Fertigungsaufwand: Die Bestimmung individueller Neoantigene und die nachfolgende Produktion erfordern einen komplexen, zeitkritischen Prozess für jeden einzelnen Patienten.
  • Offene Evidenz: Belastbare Auswertungen zum langfristigen Gesamtüberleben (Overall Survival) stehen in den laufenden Studien noch aus.
  • Kostenstruktur: Der hohe Entwicklungsaufwand und eine mögliche Dominanz weniger Anbieter bergen das Risiko hoher Therapiekosten für die Gesundheitssysteme.
  • Verlagerung von Produktionskapazitäten: Der industrielle Wettbewerb betrifft auch die Infrastruktur: Während BioNTech die Schließung von Standorten in Deutschland angekündigt hat, prüft Moderna die Übernahme dieser Werke zur Sicherung eigener europäischer Produktionskapazitäten.

Einschätzung aus medizinischer Perspektive

Joe Oppermann, Medical Writer bei Peix, kann sich den positiven Stimmen anschließen:


„Die mRNA-Technologie hat sich bereits während der Pandemie beweisen können und gezeigt, wie schnell eine Umsetzung möglich ist. Das Potential für weitere Therapien war groß. Dementsprechend wurden Katalin Karikó und Drew Weissman zurecht 2023 mit dem Nobelpreis in Physiologie oder Medizin ausgezeichnet.

Die nun veröffentlichten Zwischenergebnisse zu Intismeran Autogen im Melanom-Kontext sind sehr vielversprechend - um rund 50 % reduziertes Risiko für ein Rezidiv oder Tod bzw. bzw. rund 60 % reduziertes Risiko für Fernmetastasen oder Tod. Das sind Zahlen, die kaum jemand kalt lassen dürften. Gleichzeitig ist das System dank seiner Flexibilität relativ einfach bei anderen Formen von Krebs anwendbar.
Leider werden die Kosten (geschätzte 100.000 - 300.000 US-Dollar pro Patient zuzüglich der Kosten von KEYTRUDA) wahrscheinlich das größte Hindernis für eine breite Anwendung sein - vorerst. Außerdem sind dies nur Zwischenergebnisse, ob sich Intismeran Autogen auch positiv auf das Gesamtüberleben der Patienten auswirkt, noch offen.

Ich glaube aber, dass wir hier erst am Anfang stehen. Weitere Unternehmen werden mit eigenen Ansätzen folgen. Dennoch lässt sich schon jetzt sagen: Dies ist ein wichtiger Schritt in die Ära der personalisierten Medizin.“

Wer mehr wissen möchte

Die INTerpath-001-Studie

Das Problem nach der Operation Nach der chirurgischen Entfernung eines Hochrisiko-Melanoms (Stadien IIB–IV) verbleiben im Körper häufig unsichtbare Krebszellen. Diese bergen das ständige Risiko, später Rückfälle (Rezidive) oder Tochtergeschwulste in anderen Organen (Fernmetastasen) zu bilden.

Das Studiendesign An der Phase-III-Studie nahmen 1137 Patientinnen und Patienten teil. Nach der Tumor-Entfernung erhielt eine Gruppe die bisherige Standard-Immuntherapie Pembrolizumab allein, die andere Gruppe zusätzlich den individuell hergestellten mRNA-Impfstoff Intismeran.

Das doppelte Wirkprinzip

  • Pembrolizumab (Bremse lösen): Blockiert den PD-1-Signalweg, über den Krebszellen die Immunabwehr lähmen, und macht die Abwehrzellen wieder angriffslustig.
  • Intismeran (Ziel vorgeben): Liefert den Abwehrzellen auf Basis einer Erbgutanalyse des entfernten Tumors einen maßgeschneiderten Steckbrief mit bis zu 34 individuellen Mutationsmerkmalen (Neoantigenen).

Die bisherigen Ergebnisse

  • Vorteil: Die Kombinationstherapie senkte das Risiko für ein Wiederauftreten des Krebses sowie für Fernmetastasen gegenüber der alleinigen Standardtherapie statistisch bedeutsam.
  • Bekanntes Nebenwirkungsprofil: Die Reaktionen (u.a. Müdigkeit, Schüttelfrost, Reaktionen an der Injektionsstelle) entsprachen den aus früheren Studien bekannten Impfreaktionen.
  • Offene Punkte: Die Langzeitauswertung zum Gesamtüberleben läuft noch; detaillierte Daten werden auf Fachkongressen präsentiert und bei den Regulierungsbehörden eingereicht.

F&E: Unternehmen und weitere Indikationen

  • Roche / Genentech: Kooperiert eng mit BioNTech an der iNeST-Plattform (u. a. Wirkstoffkandidat Autogene Cevumeran) zur Erforschung personalisierter mRNA-Krebsimpfstoffe bei verschiedenen soliden Tumoren wie Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs.
  • Gritstone Bio: Entwickelt personalisierte mRNA-Krebstherapien (wie GRANITE) und nutzt maschinelles Lernen sowie KI-Modelle, um das Entschlüsseln und Auswählen relevanter Neoantigene auf Tumoren zu optimieren.
  • Sanofi: Baut über ein eigenes mRNA-Zentrum („Center of Excellence“) und gezielte Übernahmen Kapazitäten auf, um mRNA-Plattformen sowohl für Infektionskrankheiten als auch für immunonkologische Anwendungen weiterzuentwickeln.
  • GSK (GlaxoSmithKline): Investiert weiter in die Optimierung von mRNA-Technologieplattformen, um Wirkstoff- und Impfstoffkandidaten in der Infektiologie und Onkologie zu erforschen.
  • Pfizer: Baut im Anschluss an die COVID-19-Impfstoffallianz eigene Forschungskapazitäten im Bereich der mRNA-Biologie aus, um den Ansatz neben Infektionskrankheiten auch auf onkologische Zielstrukturen auszuweiten.
  • Spezialisierte Biotech-Firmen (z. B. Etherna, Strand Therapeutics): Arbeiten an spezifischen Transport- und Formulierungsverfahren, um mRNA gezielter in bestimmte Organe wie Lymphknoten einzubringen oder zusätzliche immunstimulierende Proteine direkt auf der RNA mitzucodieren.

Übersicht vom vfa:

https://www.vfa.de/de/forschung-entwicklung/coronavirus/rna-basierte-impfstoffe-in-entwicklung-und-versorgung

Weitere Einschätzungen

  • Dr. Julie Gralow (Chefmedizinerin der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie, ASCO):

„Die Studienergebnisse sind ein gewaltiger Schritt nach vorn, der das Potenzial der mRNA-Technologie in der Krebstherapie bestätigt.“

  • Prof. Georgina Long (Leiterin der INTerpath-001-Studie & Direktorin des Melanoma Institute Australia):

„Die Ergebnisse sind ein Wendepunkt in der Hautkrebsbehandlung. Die Therapie hat das Potenzial, einen völlig neuen Behandlungsstandard zu etablieren.“

  • Prof. Christoffer Gebhardt (Leiter der mRNA-Krebsstudie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf):

„Ich bin überzeugt, dass die mRNA-Impfung nicht nur beim Melanom, sondern in der gesamten Onkologie einen Siegeszug antreten wird.“

Zusatzinfo: KI-Zellmodelle beschleunigen die Wirkstoffsuche

  • Virtuelles Zellmodell (AIDO Cell): Das Start-up GenBio AI um Chemie-Nobelpreisträger David Baker hat mit „AIDO Cell“ ein KI-System entwickelt, das menschliche Zellen von der molekularen Ebene (DNA/RNA, Proteine) bis zur Gesamtzelle am Computer simuliert.
  • Digitale Labortests: Wissenschaftler können am Bildschirm durchspielen, wie Zellen auf Medikamente oder Genveränderungen reagieren. In Erstversuchen bildete die Software die Wirkungsweise eines bekannten Leukämie-Medikaments bereits exakt nach.
  • Ziel: Die traditionally extrem langwierige, teure und risikoreiche Entwicklung neuer Arzneien – etwa in der Onkologie – drastisch zu verkürzen.
  • Verfügbarkeit: Das System unterstützt derzeit erste Zelltypen und steht der akademischen Forschung sowie der Pharmaindustrie in Kürze zur Verfügung.
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