Zwischenergebnisse von Moderna und Merck
Moderna und Merck (MSD) konnten positive Ergebnisse für eine neue Doppeltherapie gegen schwarzen Hautkrebs melden. Patienten, denen der Tumor operativ entfernt wurde, erhielten zusätzlich zum bisherigen Standardmedikament den neuen mRNA-Impfstoff. Das Ergebnis: Die Kombination schützt deutlich effektiver vor einem Rückfall als die bisherige Einzeltherapie.
„Jahrelang klang die Idee einer individuell zugeschnittenen mRNA-Krebstherapie wie Science-Fiction. Heute haben wir den klinischen Nutzen in einer globalen Phase-3-Studie nachgewiesen.“
Moderna-CEO Stéphane Bancel zu den Ergebnisse der individuellen Erbgut-Analyse
Wirkprinzip: Was mRNA und personalisierte Impfungen bedeuten
Anders als bei vorbeugenden Impfungen handelt es sich hierbei um einen therapeutischen Impfstoff, der bei bereits an Krebs erkrankten Menschen angewendet wird. Nach der operativen Entfernung des Tumors wird das Gewebe genetisch analysiert, um die Mutationen (Neoantigene) des jeweiligen Krebstyps zu identifizieren. Auf dieser Basis wird für jeden Patienten ein individueller Impfstoff (Intismeran Autogen) mit bis zu 34 spezifischen Neoantigenstrukturen im Labor programmiert.
Die mRNA fungiert in den Zellen als temporärer Bauplan für die ausgewählten Zielstrukturen der Krebszellen. Diese Zielstrukturen werden anhand des Bauplans von körpereigenen Zellen produziert und dem Immunsystem präsentiert. So lernt das Immunsystem, diese Zielstrukturen zu erkennen und gezielt gegen Krebszellen vorzugehen.
Das Prinzip lässt sich wie die Sicherheitskontrolle am Flughafen verstehen: Der mRNA-Impfstoff liefert dem Sicherheitspersonal (= unsere Abwehrzellen) einen Hinweis auf eine versteckte Bedrohung. Beim Durchleuchten der ‚Passagiere‘ winken die Abwehrzellen alle gesunden Zellen anstandslos durch. Sobald jedoch eine verbliebene Krebszelle den Scanner passiert, schlägt das System sofort Alarm und die Zelle wird gezielt aus dem Verkehr gezogen. (Erklärgrafik: Mit KI generiert.)

Weitere Indikationen und forschende Unternehmen
Die Forschung an mRNA-Therapien beschränkt sich nicht nur auf das Melanom. Das Konsortium aus Moderna und Merck erprobt die Kombination aus Intismeran und Pembrolizumab im Rahmen des „INTerpath“-Programms in weiteren klinischen Studien der Phasen II und III unter anderem bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, Blasenkrebs und Nierenzellkarzinomen.
Parallel dazu arbeitet BioNTech an mRNA-basierten Krebstherapien. Die Schwerpunkte in der klinischen Entwicklung liegen unter anderem bei Studien zu Darmkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Neben der Onkologie erstreckt sich das Spektrum der mRNA-Technologie auf Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten wie Grippe sowie auf nicht-immunologische mRNA-Therapeutika zur Behandlung angeborener Gendefekte.
Chancen und Herausforderungen
Die wesentliche Chance der mRNA-Plattform liegt in ihrer biologischen Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Tumortypen und Krankheitsbilder. Sollte sich das Verfahren in weiteren Studien als dauerhaft wirksam erweisen, könnte die Immunonkologie die drei klassischen Behandlungsformen (Operation, Chemotherapie und Strahlentherapie) klinisch ergänzen.
Dem stehen mehrere operative und wirtschaftliche Hürden gegenüber:
- Fertigungsaufwand: Die Bestimmung individueller Neoantigene und die nachfolgende Produktion erfordern einen komplexen, zeitkritischen Prozess für jeden einzelnen Patienten.
- Offene Evidenz: Belastbare Auswertungen zum langfristigen Gesamtüberleben (Overall Survival) stehen in den laufenden Studien noch aus.
- Kostenstruktur: Der hohe Entwicklungsaufwand und eine mögliche Dominanz weniger Anbieter bergen das Risiko hoher Therapiekosten für die Gesundheitssysteme.
- Verlagerung von Produktionskapazitäten: Der industrielle Wettbewerb betrifft auch die Infrastruktur: Während BioNTech die Schließung von Standorten in Deutschland angekündigt hat, prüft Moderna die Übernahme dieser Werke zur Sicherung eigener europäischer Produktionskapazitäten.
Einschätzung aus medizinischer Perspektive
Joe Oppermann, Medical Writer bei Peix, kann sich den positiven Stimmen anschließen:
„Die mRNA-Technologie hat sich bereits während der Pandemie beweisen können und gezeigt, wie schnell eine Umsetzung möglich ist. Das Potential für weitere Therapien war groß. Dementsprechend wurden Katalin Karikó und Drew Weissman zurecht 2023 mit dem Nobelpreis in Physiologie oder Medizin ausgezeichnet.
Die nun veröffentlichten Zwischenergebnisse zu Intismeran Autogen im Melanom-Kontext sind sehr vielversprechend - um rund 50 % reduziertes Risiko für ein Rezidiv oder Tod bzw. bzw. rund 60 % reduziertes Risiko für Fernmetastasen oder Tod. Das sind Zahlen, die kaum jemand kalt lassen dürften. Gleichzeitig ist das System dank seiner Flexibilität relativ einfach bei anderen Formen von Krebs anwendbar.
Leider werden die Kosten (geschätzte 100.000 - 300.000 US-Dollar pro Patient zuzüglich der Kosten von KEYTRUDA) wahrscheinlich das größte Hindernis für eine breite Anwendung sein - vorerst. Außerdem sind dies nur Zwischenergebnisse, ob sich Intismeran Autogen auch positiv auf das Gesamtüberleben der Patienten auswirkt, noch offen.
Ich glaube aber, dass wir hier erst am Anfang stehen. Weitere Unternehmen werden mit eigenen Ansätzen folgen. Dennoch lässt sich schon jetzt sagen: Dies ist ein wichtiger Schritt in die Ära der personalisierten Medizin.“


