Die Zahlen und unterschiedliche Deutungen
Mit über 1,7 Millionen Nutzungen werden DiGA als ein fester Bestandteil der Versorgung in Deutschland gesehen, sowohl vom GKV-Spitzenverband (GKV-SV) als auch vom Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV). Denn die Bilanz zum Stichtag 31. Dezember 2025 zeigt ein deutliches Wachstum: Allein im Jahr 2025 wurden rund 690.000 Freischaltcodes eingelöst, ein Plus von 64% gegenüber dem Vorjahr. Kostenpunkt für die Krankenkassen: insgesamt über 400 Mio. Euro, für 2025 über 170 Mio. Euro.
Den durchschnittlichen Herstellerforderungen von 544 Euro stehen verhandelte Preise von 227 Euro gegenüber. Der GKV-Verband spricht von einer „Anschubfinanzierung“ durch Beitragsgelder und fordert das Ende der Erprobungsregelungen ohne finalen Nutzennachweis.
Der SVDGV weist diese Darstellung dagegen als „irreführend“ zurück. Er betont, dass Hersteller bereits ab dem ersten Tag Höchstbeträge einhalten müssen, die der GKV-SV selbst mitverhandelt hat. Die gezahlten Beträge seien zudem keine „Finanzierung“, sondern die rechtlich legitime Vergütung für Leistungen, denen erhebliche Investitionen in Studien und über ein Dutzend neue gesetzliche Anforderungen gegenüberstehen.
Im gesamten Zeitraum seit Leistungseinführung wurden insgesamt 74 DiGA in das DiGA-Verzeichnis aufgenommen, von denen Ende 2025 noch 58 DiGA im GKV-Leistungskatalog enthalten waren. 16 DiGA (22%) wurden wieder aus dem DiGA-Verzeichnis gestrichen.
Evidenz und Marktzugang
Ein zentraler Streitpunkt bleibt das Erprobungsjahr. Der GKV-SV bemängelt, dass viele DiGA ohne abgeschlossenen Nutzennachweis erstattet werden. Dem hält der SVDGV entgegen, dass bereits für die vorläufige Aufnahme systematische Datenauswertungen zwingend sind. Bemerkenswert sei, dass aktuell 8 von 9 vorläufig gelisteten Anwendungen ihren Nutzennachweis bereits auf Basis von randomisierten kontrollierten Studien (RCT) erbracht haben, dem wissenschaftlichen Goldstandard.
Gleichzeitig belasten steigende bürokratische Hürden den Sektor. Das Antragsverfahren hat sich laut Herstellerangaben durch komplexe Datensicherheitsvorgaben (BSI TR-03161) von drei auf bis zu neun Monate verlängert. Die Branche warnt hier vor einer Ausbremsung digitaler Innovationen.
Marketing und Patientenhoheit
Der Kostenträgerbericht kritisiert zudem „aggressives Marketing“ und „Rezeptservices“. Der SVDGV entgegnet, dass der Gesetzgeber bewusst einen niederschwelligen Zugang geschaffen habe, bei dem die gesicherte Diagnose (Indikation) ausschlaggebend sei. Die Kritik des GKV-SV negiere in fragwürdiger Weise den tatsächlichen Behandlungsbedarf der Patient:innen und die Therapiefreiheit der Behandler.
Adipositas-Apps als zentrale Wachstumstreiber
Ein markanter Trend ist die Dominanz von Stoffwechsel-Anwendungen, die 2025 rund 37% der Inanspruchnahme ausmachten. Die App Oviva Direkt allein war für 44% aller Einlösungen im Jahr 2025 verantwortlich.

Fokus Pharma: Synergien und strategische Positionierung
Für Pharma ist die Entwicklung der DiGA von hoher strategischer Relevanz, da sie die Transformation vom reinen Produkthersteller zum integrierten Lösungsanbieter markiert. Dr. Sigrid Bender und Torsten Christann von Digital Oxygen ordnen für uns exklusiv ein:
Besonders kritisch gesehen werden sogenannte „Rezeptservices“ und Marketingstrategien mit Fokus auf Patient:innen. Der Bericht warnt davor, dass DiGA zunehmend wie Konsumprodukte vermarktet werden könnten.
Genau hier wird Pharma relevant. Denn viele Herausforderungen des DiGA-Marktes ähneln klassischen Fragestellungen der Arzneimittelindustrie: Evidenzgenerierung, Nutzenbewertung, Erstattungslogik und Integration in Versorgungspfade. Pharmaunternehmen verfügen hier über jahrzehntelange Erfahrung und könnten für DiGA-Hersteller zu wichtigen Partnern werden.
Kooperationen nehmen bereits zu. Unternehmen wie Bayer Vital engagieren sich bei digitalen Therapie- und Versorgungslösungen, Pohl-Boskamp ist schon früh in den Vertrieb von DiGAs eingestiegen und arbeitet an weiteren digitalen Adhärenz-Ansätzen, und MEDICE hat sich mit Beteiligungen und Plattformstrategien als aktiver Digital-Health-Akteur positioniert. Gerade mittelständische Pharmaunternehmen sehen in DiGA die Chance, klassische Arzneimittel durch digitale Versorgungskomponenten zu ergänzen.
Für Pharma sind DiGA aus mehreren Gründen relevant. Erstens ermöglichen sie eine engere Patientenbegleitung zwischen Arztbesuchen und können Adhärenz sowie Therapieerfolg verbessern. Zweitens liefern digitale Anwendungen wertvolle Real-World-Daten über Versorgung und Nutzung. Drittens entstehen neue „Drug + Digital“-Modelle, bei denen Arzneimittel und digitale Therapieangebote gemeinsam gedacht werden – etwa bei Adipositas, psychischen Erkrankungen oder chronischen Schmerzen.
Genau darin könnte die neue Rolle von Pharma liegen: als Brücke zwischen Innovation, Evidenz und Versorgung.


