Gender Health Gap: Warum die Medizin der Zukunft weiblicher werden muss

Viele Krankheiten äußern sich bei Frauen anders, werden in der Medizin aber immer noch oft ignoriert. Für eine gezielte, evidenzbasierte Behandlung muss Frauengesundheit strukturell in Forschung und Praxis verankert werden.

Key Facts auf einen Blick:

Ungleiche Lebensjahre: Frauen in Deutschland haben eine höhere Lebenserwartung als Männer (83 zu 78,2 Jahre), blicken aber im Verhältnis auf mehr Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen und Multimorbidität (Quelle: Statistisches Bundesamt 2024, Eurostat 2025).

Gender Data Gap in der Pharmakologie: Medizinische Studien und Medikamentenprüfungen wurden historisch primär an männlichen Probanden durchgeführt. Die Folge sind häufigere Fehldiagnosen und signifikant mehr Medikamentennebenwirkungen bei Frauen (Quelle: Göring 2022).

Politische Dynamik 2026: Die am 5. März 2026 verabschiedete EU Gender Equality Strategy 2026–2030 sowie Initiativen des Bundesgesundheits- und Forschungsministeriums verknüpfen Frauengesundheit erstmals mit volkswirtschaftlicher Produktivität (Quelle: EU-Kommission 2026, dbb frauen 2026).

Handlungsbedarf in der Versorgung: Fachverbände fordern eine systematische Stärkung der Versorgung bei frauenspezifischen Krankheitsbildern wie Endometriose, gezielte Aufklärung zu den Wechseljahren und die Absicherung der Geburtshilfe (Quelle: DGGG/BVF 2026).

Medizin ohne Frauen

Anlässlich des Internationalen Tags der Frauengesundheit am 28. Mai rückt die unzureichende Berücksichtigung des weiblichen Körpers in der Medizin in den Fokus. Während Frauen statistisch länger leben, verbringen sie mehr Jahre in Krankheit und leiden massiv unter diagnostischen Lücken. Um eine gerechte Versorgung zu sichern, fordern Wissenschaft, Politik und medizinische Fachverbände eine tiefgreifende strukturelle Verankerung der Frauengesundheit in der klinischen Praxis und insbesondere in der pharmazeutischen Forschung.

Der Gender Health Gap: Mehr als nur Statistik

Der Begriff „Gender Health Gap“ beschreibt ein multidimensionales Geflecht aus biologischen (Sex) und soziokulturellen (Gender) Unterschieden, die in der aktuellen Gesundheitsversorgung unzureichend abgebildet werden. So zeigt sich bei Frauen im Alter ein anderes Bild: Sie leiden häufiger unter chronischen Krankheiten, Multimorbidität und dem Verlust körperlicher Funktionalität (RKI 2020).

Zusätzlich wirken psychosoziale Belastungen wie die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit (Gender Care Gap) als Stressoren. Intersektionale Daten des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM, 2023) zeigen, dass Frauen mit Migrationshintergrund oder Rassismuserfahrungen eine besonders hohe Prävalenz für depressive Symptome und Angststörungen aufweisen.

„Wer Frauengesundheit vernachlässigt, zahlt doppelt: menschlich und volkswirtschaftlich. Jeder Ausfall von Frauen zeigt, wie systemrelevant ihre Gesundheit ist. Wenn Frauen ausfallen, weil Erkrankungen zu spät erkannt oder nicht ernst genommen werden, hat das längst wirtschaftliche Folgen für den Fachkräftemangel.“ — Milanie Kreutz, Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung (2026)

Intersektionaler Gender Health Gap bei psychischen Belastungen (2022). Die PHQ-Werte (0–12) zeigen: Frauen sind durchgehend stärker belastet als Männer. Zudem steigern Rassismus- und Migrationserfahrungen das Risiko für Angst und Depression signifikant. Den Höchstwert erreichen Schwarze Frauen (4,3), den niedrigsten Wert nicht rassistisch markierte Männer (2,6). (Quelle: DeZIM (2023); Nationaler Diskriminierungs- und Rassismusmonitor 2023 | Grafik: Mit Gemini erstellt)

Die Rolle der Pharmaindustrie: Vom männlichen Standard zur personalisierten Medizin

Eine der gravierendsten Ursachen für qualitative Mängel in der Versorgung von Patientinnen ist der sogenannte Gender Data Gap in der pharmazeutischen und medizinischen Forschung. Über Jahrzehnte hinweg galt der männliche Körper, biologisch standardisiert und ohne hormonelle Zyklusschwankungen, als die Norm in klinischen Studien.

Die Konsequenz: Viele etablierte Medikamente auf dem Markt wurden unzureichend an Frauen erprobt. Da Frauen Wirkstoffe aufgrund eines anderen Stoffwechsels, veränderter Enzymaktivitäten und eines abweichenden Fett-Wasser-Verhältnisses im Körper oft anders abbauen, resultiert dies in einer deutlich höheren Rate an teils schweren Medikamentennebenwirkungen (Göring 2022).

Auch die Symptomatik weit verbreiteter Volkskrankheiten unterscheidet sich fundamental: Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen oft durch unspezifische Beschwerden wie Übelkeit oder Kurzatmigkeit statt des klassischen Brustschmerzes. Dies führt im klinischen Alltag noch immer zu verzögerten oder falschen Diagnosen.

Die Pharmaindustrie steht vor einer tiefgreifenden Transformation: Die systematische Integration biologischer Geschlechterunterschiede, von der ersten präklinischen Laborphase bis zur Marktzulassung, entwickelt sich mittlerweile vom Nischenthema zum globalen Qualitätsstandard. Der Abschied vom historisch gewachsenen „männlichen Standard“ in der Medizin beginnt dabei zunehmend in der Frühphase. Wo früher fast ausschließlich an männlichen Zellen und Tiermodellen geforscht wurde, binden Unternehmen heute standardisiert beide biologischen Geschlechter ein. In Deutschland treibt diesen Wandel etwa der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) in enger Kooperation z. B. mit dem Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité voran, um geschlechtersensible Leitfäden in der Praxis zu verankern.

Gleichzeitig wächst der regulatorische Druck von oben; wenn auch unter veränderten politischen Vorzeichen: In den USA fordert die Zulassungsbehörde FDA auf Basis des Bundesgesetzes FDORA weiterhin verbindliche Aktionspläne, die Hersteller zu einer repräsentativen Einbindung von Frauen in klinischen Studien verpflichten. Trotz des politischen Kurswechsels unter der aktuellen Trump-Administration, die den Fokus behördlich strikt von gesellschaftlichen Genderthemen hin zu rein biologischen Geschlechtsunterschieden verschoben hat, bleibt die gesetzliche Pflicht zur medizinischen Differenzierung zwischen Mann und Frau rechtlich unberührt.

Dass die Industrie hier längst strategisch umdenkt, zeigen Unternehmen wie Roche mit ihrer Initiative „Advancing Inclusive Research“, die die demografische Realität der Patientinnen exakt in den Testphasen abbilden will. Sogar völlig neue Geschäftsmodelle entstehen, wie die Ausgründung von Organon beweist, die sich dezidiert der Schließung von Versorgungslücken in der Frauenheilkunde widmet.

„In der Gesundheitsversorgung gibt es Defizite, die zulasten der Frauen gehen. Das ist besorgniserregend. Die Gendermedizin versucht der Forschungslücke des ‚Gender Health Gaps‘ entgegenzuwirken. Eine gendersensible Gesundheitsversorgung könnte die Gesamtkosten des Gesundheitssystems schätzungsweise um bis zu 10 Prozent senken.“ — Dr. Daniela Fliegner, Medizinerin und Expertin für Gendermedizin (Pfizer)

Politische und medizinische Forderungen im Jahr 2026

Das Bewusstsein für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Gender Health Gaps hat im Jahr 2026 die höchste politische Ebene erreicht. Der Ausfall von Frauen im Berufsleben aufgrund mangelhafter medizinischer Unterstützung verschärft den ohnehin akuten Fachkräftemangel und verursacht immense volkswirtschaftliche Kosten (dbb frauen 2026).

Strategien auf EU-Ebene

Die europäische Gender Equality Strategy 2026–2030 hebt das Thema Frauengesundheit aus der reinen Nische der Gleichstellungspolitik. In Kooperation mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) fließen nun gezielte Fördermittel in Studien zu den sozialen und ökonomischen Auswirkungen von frauenspezifischen Lebensphasen wie der Menopause. Parallel soll der Action Plan on Women in Research, Innovation & Startups die Repräsentanz von Forscherinnen im medizinisch-technologischen Sektor bis 2030 massiv steigern.

Zentrale Handlungsfelder im deutschen Gesundheitssystem

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) mahnen strukturelle Reformen an, um die Versorgung von Frauen flächendeckend und wohnortnah abzusichern:

  • Endometriose & Wechseljahre: Diese Themen müssen als eigenständige medizinische und wissenschaftliche Herausforderungen verstanden und fest in den therapeutischen Leitlinien verankert werden.
  • Geburtshilfe sichern: Durch eine auskömmliche Finanzierung muss die kontinuierliche fachärztliche und pädiatrische Verfügbarkeit in Kliniken garantiert werden. Die Integration hebammengeleiteter Kreißsäle direkt an Geburtskliniken bietet maximale Sicherheit im Notfall.
  • Prävention und Früherkennung: Das Präeklampsie-Screening für Schwangere muss als flächendeckende Vorsorgeleistung etabliert werden. Zudem dürfen gynäkologische Krebsfrüherkennungen sowie Impfpräventionen (wie die HPV-Impfung) im Zuge von Klinikreformen finanziell nicht geschwächt werden.
„Frauengesundheit braucht eine Medizin, die die spezifischen gesundheitlichen Herausforderungen von Frauen konsequent berücksichtigt. Das Beispiel Endometriose zeigt, dass viele Erkrankungen und Beschwerden von Frauen noch immer zu spät erkannt werden. Es ist entscheidend, evidenzbasierte Versorgungskonzepte dauerhaft in unserem Gesundheitssystem zu verankern.“ — Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, 2. Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG, 2026)
Kurzer Hintergrund:

Der Internationale Tag der Frauengesundheit (International Day of Action for Women's Health) findet jedes Jahr am 28. Mai statt. Er wurde 1987 ins Leben gerufen, um weltweit auf die spezifischen physischen und psychischen Gesundheitsbedürfnisse von Frauen sowie auf das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung aufmerksam zu machen.

bundesstiftung-gleichstellung.de; dbb.de; commission.europa.eu; tu-dresden.de; frauengesundheitsportal.de
Hanna Sachse
Foto: Mit KI generiert
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