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16.07.2018

Patientenzentriertheit – der Patient als Kunde, das Medikament als Lösung

Die Digitalisierung hat den Gesundheitsmarkt verändert. Im Fokus steht der Patient: Patient Centricity bzw. Patientenzentriertheit ist kein Trend. Eine ganze Branche erlebt einen disruptiven Wandel. Das Medikament als Produkt ist nicht mehr unhinterfragter Schlüssel zur Genesung. Der informierte Patient möchte teilhaben: an seiner Behandlung, an seiner Genesung, an seiner Gesundheit.

Ein Wechsel der Perspektive – Patientenzentriertheit

Der Paradigmenwechsel in der Pharmabranche ist eingeleitet – von der produktzentrierten zur patientenzentrierten Kommunikation. Mit den Konsequenzen dieses Wandels für die Gesundheitsbranche beschäftigt sich die „ReThink Healthcare“ – eine neuartige Veranstaltungsreihe für Healthcare-Professionals, die sich um die aktuellen Chancen und Herausforderungen der Branche dreht: Big Data, E-Health, Patient Centricity.

Die „ReThink Healthcare“ bietet ein interaktives Umfeld, in dem Marketing- und Produktmanager von Pharmaunternehmen auf die Kommunikation der Zukunft vorbereitet werden. Dazu gehört auch der Perspektivwechsel zur Patientenzentriertheit. Nur wenn die Bedürfnisse der Patienten verstanden werden, können Unternehmen wirkungsvoll auf diese eingehen. Einer der Vortragenden ist Bastian Hauck. Er ist Vorstandsmitglied der International Diabetes Federation (IDF Europe) und der Deutschen Diabetes-Hilfe (diabetesDE) sowie Gründer der Diabetes Online Community #dedoc°.

Patientenzentriertheit in Kurzform: #nothingaboutuswithoutus

Was bedeutet Patientenzentriertheit aus Sicht der Patienten und Patientenorganisationen? „Der Hashtag #nothingaboutuswithoutus fasst es zusammen: Nichts über uns ohne uns“, erklärt Hauck. „Aus Patienten- oder Patientenorganisationssicht geht es nicht um Revolution oder Revolte, Patienten wollen nicht auf einmal die Bestimmer sein. Es geht vielmehr um Teilhabe und Mitsprache. Der Patient wird zum Kunden. Das gesamte Gesundheitssystem öffnet sich und Prävention wird immer wichtiger. Gerade im Bereich der chronischen Krankheiten, etwa bei Diabetes, wo Prävention das A und O ist, passt der Begriff Patient nicht immer.“

Der (online) informierte Patient

Das Internet bietet bereits jetzt zahlreiche Möglichkeiten, Informationen zu finden und sich auszutauschen. Ärzte sehen diese Entwicklung kritisch: Wer ungefiltert Informationen von Internetseiten bezieht, kann das Recherchierte kaum in einen sinnvollen Kontext setzen und differenziert betrachten. Dennoch gibt es auch Chancen. „Miteinander zu sprechen, halte ich für einen gesunden Prozess. Und zu diesem Prozess stoßen Ärzte, Pharmaanbieter und weitere Gesundheitsanbieter langsam dazu“, erläutert Hauck.

Immer wieder wird diskutiert, welche Rolle Apotheken in Zukunft zukommt. Online-Angebote wachsen und trotzdem bleibt die Apotheke unstreitig ein wichtiger Anlaufpunkt – und zwar nicht ausschließlich zum Zwecke der Medikamentenbeschaffung. Der Gang zur Apotheke ist mit einer niedrigen Hemmschwelle verbunden. Das sieht auch Bastian Hauck so: „Viele Menschen kennen ihren Apotheker seit Jahren, denn er ist seit Jahren vor Ort. Die Expertise eines guten Apothekers ist gerade in Zeiten des Ärztemangels sehr wichtig. Apotheken werden bleiben, aber sie werden sich verändern.“

Ist Patientenzentriertheit eine Budgetfrage?

Patientenorganisationen sehen sich beim Thema Patientenzentriertheit mit vielen Vorurteilen konfrontiert. An erster Stelle steht die Annahme, dass mehr Patientenzentriertheit mehr Aufwand und damit höhere Kosten nach sich ziehe. Diesen und ähnlichen Sichtweisen begegnet Bastian Hauck täglich: „Das braucht noch mehr Zeit, das wird noch teurer. Das ist genau die Betonwand, gegen die wir anlaufen. Ein altes System, das das neue Paradigma noch nicht verstanden hat, wird es nicht schaffen, Patientenzentriertheit kostenneutral oder sogar zu Kostenvorteilen zu befriedigen.“

Hauck regt an, die Sichtweise zu ändern. Das System ist aktuell überlastet. Die Wartezimmer sind voll. Ärzte in Krankenhäusern machen pro Woche 10 bis 15 Überstunden, das ist nicht nachhaltig. Niedergelassene Ärzte finden keine Nachfolge. Kommunen haben keinen Landarzt mehr. Laut Hauck ist die Idee nicht, dass Patientenzentriertheit diese Zustände verschärft, sondern neue Möglichkeiten eröffnet.

Integrative oder patientenzentrierte Medizin bietet auch auf gesellschaftlicher Ebene Chancen. „In Zukunft werden mehr Entscheidungsprozesse denn je anstehen – auf politischer, wirtschaftlicher und ethischer Ebene; darüber, was sich das Gesundheitssystem leisten kann und leisten muss“, so Hauck. Man müsse die Menschen über die Hintergründe und die Details informieren und daran teilhaben lassen, was hinter Entscheidungen stehe.

Patientenzentriertheit: Patienten am Steuer des Gesundheitsbootes

Als passionierter Segler verdeutlicht Hauck sein Argument mit einem nautischen Vergleich: „Patienten werden zunehmend das Steuer ihres Gesundheitsbootes übernehmen. Aber für eine sichere Atlantiküberquerung brauchen sie eine gute Crew. Patientenorganisationen können die Rolle des Navigators übernehmen, manchmal vielleicht auch Anker sein. In einer guten Crew gibt es eine klare Rollenverteilung. Die Frage ist, was wird die Rolle der Pharmaunternehmen, Apotheker und Ärzte sein?“

Diese Frage wird Bastian Hauck auch am 6. November 2018 bei der zweiten „ReThink Healthcare“ in Berlin aufwerfen, die unter dem Motto „Power to the patient. Wie Patient Centricity unsere Kommunikation verändert“ stattfindet. Namhafte Experten aus der Branche zeigen den Teilnehmenden, welches Potenzial patientenzentrierte Kommunikation für die Pharmabranche bietet. Das Event beschränkt sich dabei nicht nur auf die Wissensvermittlung, sondern ermöglicht in verschiedenen Workshops die Möglichkeit, praktische Ansätze für die Umsetzung von Patientenzentriertheit zu entwickeln. Daneben steht Networking in einer inspirierenden Atmosphäre auf dem Programm.

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